Stadt und
Kreis Tübingen / 03.06.2002
Späth spricht und der Papst lässt grüßen
Katholische Studentenverbindung feiert 200. Semester -
Promotionen in klassischen Fakultäten ausgezeichnet
Von Georg Fleischer
Tübingen. (GEA) Samstagvormittag vor der Neuen
Aula. Die Brunnen plätschern in der Sonne, ein paar
wenige Studenten ziehen ihre Bahnen. Ein sommerlicher
Samstag wie jeder andere. In der Neuen Aula jedoch
feierte fast unbemerkt die akademische Verbindung
Cheruskia zu Tübingen ihr 200. Jubelsemester. Mit dabei
als Festredner Baden-Württembergs Ex-Ministerpräsident
Lothar Späth.

Inmitten von Cheruskern: Lothar Späth sprach in
Tübingen über Bildungspolitik.
Foto: Fleischer
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1902 als katholisch orientierte Studentenverbindung
gegründet mit der Bestrebung, Tradition, Modernität und
Lebensfreude zu verkörpern ist die Cheruskia eine der
jüngeren Studentenverbindungen in Tübingen. »Das lag vor
allem daran, dass die katholische Theologie erst 1816 an
der Tübinger Universität Einzug hielt«, erklärt
Universitätsdekan Eberhard Schaich. Auch er zählte zu
den geladenen Gästen und Festrednern. Als Hausherr auf
dem Tübinger Campus machte Schaich es möglich, dass die
Cherusker von Anfang an eine Farben tragende aber nicht
schlagende Verbindung im Audi Max der Neuen Aula ihren
Festakt abhalten konnte.
Keine Selbstverständlichkeit, wie Wilhelm Aicher,
Philistersenior im Altherrenverband der Verbindung in
seiner Begrüßung feststellte. Vor einhundert Jahren von
Tübinger Studenten aus der Taufe gehoben und bald darauf
in den Cartellverband der katholischen deutschen
Studentenverbindungen (CV) aufgenommen, kann die
Cheruskia heute rund 380 alte Herren und vierzig Aktive
vorweisen.
Das Haus, der nur in Tübingen vertretenen Verbindung
liegt zwar auch auf dem Österberg, doch ist es keine
Jugendstilvilla sondern ein Neubau aus den 50er Jahren.
»So ein Haus ist wesentlich leichter zu unterhalten und
vor allem zu heizen«, sagt Norbert Fritsche,
Philisterconsenior und mitverantwortlich für die
Festivitäten zum 100. Geburtstag der Cheruskia.
Domkapitular Franz Glaser, seit 40 Jahren Mitglied
bei der Tübinger Verbindung und ebenfalls ein
Festredner, hatte die Ehre einen Brief aus dem Vatikan
vorzulesen. In diesem ließ Papst Johannes Paul II. seine
Glück- und Segenswünsche an die Verbindung ausrichten:
»Aus der Kraft einer gesunden Tradition heraus, in
welcher der katholische Glaube einen hervorragenden
Platz einnimmt, können alle, Studenten und alte Herren,
ihrem Leben eine sinnvolle Orientierung geben und fähig
werden zu Bausteinen einer Gesellschaft mit humanen
Antlitz zu werden«, heißt es in dem Schreiben.
Mit Spannung erwartet wurde der Auftritt des
ehemaligen Baden- Württembergischen Ministerpräsidenten
und derzeitigem Jenoptik-Chef, Lothar Späth. Titel
seiner Festrede: »Bildungspolitik: Perspektiven für das
neue Jahrhundert.« Er sei »eigentlich kein ausgewiesener
Bildungspolitiker«, so Späth gleich zu Beginn. Drum
legte er sich auch nicht darauf fest, die Pisa-Studie
rauf und runter zu interpretieren und mit kämpferischen
Parolen Eindruck zu schinden, sondern umriss vielmehr
die Zusammenhänge von Bildung, Staat und Gesellschaft in
einer globalisierten Welt. Späth: »Heute geht es um die
Kompatibilität des Wissens mit den Bedürfnissen der
Gesellschaft.«
In seiner einstündigen, frei gehaltenen Ansprache
ohne ein einziges »Äh« ging Späth vor allem auf den
Wandel in der Gesellschaft ein, in der Deutschland die
»am besten fortgebildeten Vorruheständler überhaupt«
hervorgebracht habe. Doch werde seiner Ansicht nach die
Erfahrung und das Wissen der Älteren nicht mehr
geschätzt. Als erstrebenswert bezeichnete Späth, der
sich jetzt auch wieder in das politische »Gewühl
stürzt«, eine europaweit greifende, mit der Bildung
verknüpfte Wertvorstellung. »Es täte Brüssel gut, wenn
sie eine solche Vorstellung ausarbeiten würden, statt
sich in endlosen Diskussionen über die BSE-Problematik
auszulassen.«
Am Ende seiner mit viel Beifall gewürdigten Rede
konnte Lothar Spät noch vier Preise an ehemalige
Studenten der Universität Tübingen überreichen. Die
Cheruskia hatte aus Anlass ihres 200. Jubelsemesters
Auszeichnungen in den klassischen Fakultäten für
Promotionsarbeiten ausgelobt.
Für die Fakultät der Philosophie und Geschichte wurde
Oliver Auge ausgezeichnet, der Jurist Steffen Luik, der
Theologe Christoph Mandry und der Mediziner Michael Haap
repräsentierten als weitere Preisträger die anderen drei
Fakultäten.
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